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Nahrungsergänzungsmittel: Sinnvoll oder nur teures Urin?

Gefahr von Über- und Unterdosierung sowie regulatorische Defizite

Nahrungsergänzungsmittel sind in unserer modernen Gesellschaft weit verbreitet und erfreuen sich großer Beliebtheit. Sie versprechen eine optimale Versorgung mit wichtigen Nährstoffen und eine Verbesserung des Wohlbefindens. Allerdings birgt der unkontrollierte Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln auch Risiken. Daher widme ich mich in diesem Blogbeitrag nicht nur der Gefahren der Über- und Unterdosierung von Nahrungsergänzungsmitteln, sondern kläre Dich auch über die Qualität, seriöse Quellen und regulatorischen Defizite auf, die diese Branche begleiten.

Was sind Nahrungsergänzungsmittel?

Nahrungsergänzungsmittel sind rechtlich gesehen Lebensmittel. Sie dienen als Ergänzung zu Deiner allgemeinen Ernährung und unterliegen keiner Zulassungspflicht oder staatlichen Prüfung. Zwar müssen Nahrungsergänzungsmittel beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) angezeigt werden, diese Anzeigen werden aber nicht geprüft. Allein die Anzeige ist ausreichend, sodass theoretisch auch Nahrungsergänzungsmittel, die dort als arsenhaltig angezeigt werden, dennoch auf den Markt gelangen. Nahrungsergänzungsmittel dürfen in dosierter Form auf den Markt gebracht werden und sind in ihrer Form entweder ein Konzentrat aus:

  • Nährstoffen (Vitamine, Mineralstoffe) oder
  • sonstigen Stoffen mit ernährungsspezifischer oder physiologischer Wirkung (dazu zählt alles, auch Alkohol und Glucose, ebenso wie Pflanzenbestandteile, sog. Botanicals – Pilze, Algen, Pflanzenextrakte, Mikroorganismen, Aminosäuren, Phytosterine, Nukleotide u. v. m.).

Die Gefahr der Überdosierung von Nahrungsergänzungsmitteln

Die Überdosierung von Nahrungsergänzungsmitteln kann schwerwiegende gesundheitliche Probleme verursachen. Einige Menschen glauben fälschlicherweise, dass eine höhere Dosierung eines Nahrungsergänzungsmittels zu besseren Ergebnissen führt. Dies kann jedoch zu einer toxischen Belastung des Körpers führen. Insbesondere fettlösliche Vitamine wie Vitamin A, D, E und K können bei übermäßigem Konsum zu Vergiftungserscheinungen führen. Auch bestimmte Mineralstoffe wie Eisen, Zink und Selen können in zu hohen Dosen toxisch sein und schädliche Auswirkungen haben.

So steht beispielsweise eine Überdosierung von Calcium mit einer erhöhten Sterblichkeit bei Patient:innen mit Herzklappenproblemen in Verbindung. Ebenso kann eine Überdosierung von Vitamin D3+K2 bei Kindern zu einer massiven Elektrolytentgleistung (sog. Hyperkalzämie) führen, was einen lebensbedrohlichen Zustand verursachen kann. Aber auch wasserlösliche Vitamine wie Vitamin B6 und B12 stehen in engem Zusammenhang mit einem erhöhten Risiko für Lungenkrebs – bei Raucher:innen ein 3-4-fach erhöhtes Risiko, bei Nichtraucher:innen ein 2-fach erhöhtes Lungenkrebsrisiko. Warum? Vitamin B6 und B12 sind Wachstumsfaktoren, die wie ein Brandbeschleuniger für entartete Zellen wirken.

Die Gefahr der Unterdosierung von Nahrungsergänzungsmitteln

Auf der anderen Seite kann eine Unterdosierung von Nahrungsergänzungsmitteln dazu führen, dass der Körper nicht ausreichend mit den benötigten Nährstoffen versorgt wird. Dies kann insbesondere bei Personen auftreten, die bestimmte Diäten einhalten, bestimmte Nahrungsmittelgruppen meiden oder einen erhöhten Nährstoffbedarf haben, wie zum Beispiel Schwangere oder Sportler:innen.

So zeigen neueste Studien, dass nur 97% der Schwangeren nicht ausreichend mit Vitamin B4 (Colin) versorgt sind, was jedoch ein wesentliches B-Vitamin für die neuronale Entwicklung ist. Und gerade einmal rund die Hälfte der Schwangeren supplementieren Iod und Folsäure in der für sie empfohlenen Dosierung. Das ist fatal, da diese wichtig für die kognitive und neuronale Entwicklung sind und ein Mangel von kognitiven Defiziten bis hin zu schweren Fehlbildungen (u.a. Geburtsfehler des Gehirn, der Wirbelsäule und/oder des Rückenmarks) reicht. Und leider zeigen neueste Studien, dass hier noch eine große Wissenslücke herrscht: Mehr als 80% der Schwangeren erhält kaum oder keine professionelle Ernährungsberatung – weder durch ihre Frauenärztin/ihren Frauenarzt, noch durch ihre Hebamme oder eine andere fachkundige Person. Hier ist zwingend mehr Aufklärung nötig, um überrestriktive Ernährungsweisen zu vermeiden.

Generell ist jedoch eine Unterversorgung mit einzelnen Mikronährstoffen nicht auch automatisch ein klinischer Mangel. Du bist evtl. nicht optimal versorgt, aber trotzdem gesund. Der Großteil der deutschen Bevölkerung erreicht nicht die optimalen Zufuhrempfehlungen für einige Mikronährstoffe, darunter vor allem Folsäure, Vitamin D (v.a. im Winter), Eisen, Calcium, Vitamin E und Vitamin B1.

Regulatorische Defizite von Nahrungsergänzungsmitteln

Die Regulierung von Nahrungsergänzungsmitteln ist oft lückenhaft und stellt eine Herausforderung dar. Im Gegensatz zu Arzneimitteln werden Nahrungsergänzungsmittel in vielen Ländern, darunter auch in Deutschland, als Lebensmittel und nicht als Medikamente betrachtet. Dies bedeutet, dass sie weniger strengen regulatorischen Anforderungen unterliegen. Die Folge ist, dass die Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit vieler Nahrungsergänzungsmittel nicht ausreichend überprüft werden. Dies kann dazu führen, dass Produkte auf den Markt kommen, die unwirksam sind oder potenziell schädliche Inhaltsstoffe enthalten. So gibt es eine Reihe an sinnlosen Nahrungsergänzungsmitteln, mit denen Du zwar nichts falsch machen kannst, die aber absolut keinen Nutzen haben, wie bspw. Multipräparate für eine sehr unspezifische Primärprevention von Krebs oder Demenz. Oder Omega-3 als Nahrungsergänzungsmittel zur Demenzprävention. Ebenso ist Vitamin C kein Nahrungsergänzungsmittel, was Dich vor Infekten schützt und auch Zimt funktioniert nicht als positiv wirkendes Nahrungsergänzungsmittel bei Typ-2-Diabetes.

Gesundheitliche Wirkung von Nahrungsergänzungsmitteln

Wenn Du wirklich wissen willst, ob Dein Nahrungsergänzungsmittel hält, was es verspricht (bspw. „Reich an Vitamin C“), gibt es die EU Health Claim-Liste. Hier sind alle positiv bewerteten „Health claims“ (nährwert- oder gesundheitsbezogene Aussagen) gelistet, d.h. hier wurde der Effekt tatsächlich nachgewiesen. Alles, was hier gelistet ist, ist durch das Europäische Amt für Lebensmittelsicherheit (EFSA) geprüft und zugelassen. Alles, was hier nicht explizit gelistet ist, ist verboten! Ein geläufiges Beispiel ist hier „Detox“ – ein Begriff, der seit 2017 explizit verboten und daher auf keinen Produkten zu finden ist. Leider ist jedoch die Überprüfung für sog. Botanicals seit 2010 ausgesetzt, sodass hier Aussagen nicht geprüft werden (bspw. Pflanzenextrakte als „Fatburner“ zu betiteln ist nicht untersagt).

Andere seriöse Informationsquellen, um die Wirksamkeit von Nahrungsergänzungsmitteln zu prüfen, sind PubMed, eine wissenschaftliche Datenbank, wo Du nachschlagen kannst, ob ein bestimmtes Nahrungsergänzungsmittel tatsächlich die versprochene Wirkung zeigt (bspw. „Spermidin“, was nachweislich keinen Anti-Aging Effekt hat, auch wenn dies gerne mal propagiert wird).

Weitere sehr nützliche Seiten für Deine Recherche sind Klartext Nahrungsergänzung und Medizin Transparent. Letzteres klärt Dich sogar nicht nur über Nahrungsergänzungsmittel auf, sondern auch über medizinische Verfahren wie Akupunktur, Ostepathie usw.

Die richtige Dosierung finden

Wenn Du Dir unsicher bist, wie viel Du von welchem Mikronährstoff benötigst, empfiehlt sich ein Blick in die Liste des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Hier findest Du die Angaben zu Höchstmengen pro Tagesdosis diverser Nahrungsergänzungsmittel. Wenn Du nicht nur die Höchstdosis der Nahrungsergänzungsmittel wissen möchtest, sondern generell, wie viel Du maximal von welchen Mikronährstoffen zuführen solltest (durch die Ernährung + Nahrungsergänzungsmittel), empfiehlt sich ein Blick in die Liste der EFSA. Hier findest Du das „tolerable upper intake level“ für zahlreiche Mikronährstoffe.

Allerdings ist hier der Hinweis wichtig, dass die Empfehlungen des BfR zu den Höchstmengen rechtlich nicht verbindlich sind. Es gibt keine Regulation, was in einem Nahrungsergänzungsmittel drin sein darf noch eine Höchstdosisbegrenzung für Nahrungsergänzungsmittel in Deutschland (in anderen Ländern gibt es mitunter gesetzlich vorgeschriebene Höchstmengen für Nahrungsergänzungsmittel).

Zusammenfassung

Nahrungsergänzungsmittel können eine sinnvolle Ergänzung zu einer ausgewogenen Ernährung sein, um den individuellen Bedarf an bestimmten Nährstoffen zu decken. Jedoch ist Vorsicht geboten, da es für Nahrungsergänzungsmittel im Handel keine Garantie für die Sicherheit, Qualität und Wirksamkeit gibt.

Du solltest Dir darüber bewusst sein, dass Nahrungsergänzungsmittel weder geprüft werden noch einem Zulassungsverfahren unterliegen. Entsprechend ist auch das Influencer-Marketing nicht reglementiert. Produkte können ohne Prüfung direkt auf dem Markt vertrieben werden und sind genauso wie alle anderen Lebensmittel zu behandeln.

Wichtig ist, dass Du eine ausgewogene Ernährung immer als Hauptquelle für Deine Nährstoffe siehst. Betrachte Nahrungsergänzungsmittel möglichst differenziert, greife auf seriöse Informationsquellen und professionelle Beratungsstellen zurück, um sowohl Über- als auch Unterdosierungen zu vermeiden.

Bevor Du im „viel hilft viel“-Modus wahllos Nahrungsergänzungsmittel einnimmst, solltest Du eine Spiegelbestimmung bei Deinem Arzt/Deiner Ärztin veranlassen. Bitte kaufe keine (Trocken-)Blut- oder Haaranalysetests im Internet, die eine Mikronährstoffanalytik versprechen. Diese Tests liefern medizinisch wertlose Informationen (mehr dazu hier und hier).. Sie werden lediglich gut vermarktet, da sie dem aktuellen Zeitgeist der „Körperoptimierung“ entsprechen.

Wenn Du Deinen Spiegel klinisch bestimmen lassen hast und ein Mangel festgestellt wurde, ist es ratsam, über relevante Nahrungsergänzungsmittel mit Deiner Ärztin/Deinem Arzt oder in einer professionellen Ernährungsberatung zu sprechen. So kannst Du die für Dich richtige Dosierung und Auswahl der Produkte sicherzustellen. Bei Unsicherheit zur Dosierung ziehe die Liste des BfR zu Rate. Lasse Deinen Spiegel 3-6 Monate nach Beginn der Supplementierung erneut messen, um zu sehen, ob Du mit der Dosis den empfohlenen Referenzbereich erreichst oder etwas angepasst werden sollte.

Entscheide Dich für hochwertige und vertrauenswürdige Marken, die eine transparente Darstellung der Inhaltsstoffe und Qualitätskontrollen bieten. Durch eine verantwortungsvolle Nutzung von Nahrungsergänzungsmitteln kannst Du potenzielle Gefahren minimieren und Deine Gesundheit unterstützen.

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